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Atatürks Besuch in der Botschaft

Artikel

Als Mustafa Kemal Atatürk mit seinem Wagen von Cankaya durch die Stadt fuhr, sagte er seinem Fahrer, dass er vor der Deutschen Botschaft, die gerade mit ihrem Bau fertig war, anhalten soll. Er besuchte die Botschaft und führte einen Spaziergang durch die Gebäude. Der in Ankara tätige Gesandte Holstein teilte dem Botschafter Nadolny in Istanbul die Details des Besuches mit. Hier finden Sie den Bericht des Botschafters Nadolny.

An

das Auswärtige Amt,

B E R L I N

14. Februar 25.

Inhalt: Besichtigung des Botschaftsgrundstücks

in Angora durch Mustafa Kemal Pascha

Über den Besuch des Ghasi auf unserem Botschaftsgrundstück in Angora am 9. d. Mts. meldet mir Herr Holstein noch folgende Einzelheiten:

„Der Ghasi, der im Auto von seinem Besitztum in Tschankaya nach der Stadt zu fahren im Begriff stand, liess bei unserem Grundstück halten, schickte seinen Adjudanten, Oberst Tevfik Bey, zu mir und liess mir sagen, er möchte unser neues Haus besichtigen. Ich ging dem Präsidenten, der ausser von Tevfik noch von seinem zweiten Adjudanten, Hauptmann Ruschi Bey, ferner einem Direktor aus dem Auswärtigen Amt und von Hajati Bey, dem Chef seines Cabinet particulier begleitet war, entgegen, bewillkommnete ihn in türkischer Sprache im Namen des Herrn Botschafters und führte ihn in den unteren Räumen des Hauses und in den Nebengebäuden herum. Der Präsident besah sich jedes Zimmer ganz eingehend und äußerte immer wieder, wie sehr ihm alles gefalle. Ganz besonders Eindruck machten auf ihn die elektrische Zentrale und die - - Kachelöfen.

Nach der Besichtigung folgte er einer Einladung in meine Wohnung zum türkischen Kaffee. Beim Eintritt in den Korridor meiner Wohnung fielen ihm meine aus hiesigem Stoff hergestellten kleinen Gardinen für die Türfenster auf. Er freute sich riesig darüber, dass ein Produkt anatolischer Industrie zur Verschönerung der Wohnung verwendet worden war, und machte mir dafür ein besonderes Kompliment. Er lief gleich durch alle Zimmer. Von diesen machte mein Badezimmer sichtlich den grössten Eindruck auf ihn, und es fiel ihm besonders auf, dass es selbst dort so rein war.

Beim Kaffee erkundigte sich der Präsident bei Herrn Metzler nach allen Einzelheiten über Bauausrüstung, Material, Kosten usw. Schliesslich erklärte er, der gewonnene Eindruck sei ein so glänzender, dass er sich warscheinlich entschliessen werde, sich auch so ein „demontables“ Haus bauen zu lassen. Er bat, ihm Fabrikkataloge zu verschaffen.

Nach einem etwa halbstündigen Verweilen in meiner Wohnung bat er mich, ihm doch noch einmal das Appartement des Herrn Botschafters zu zeigen, weil es ihm so gut gefallen habe. Im Speisezimmer Herrn Botschafters errechnete er, dass man dort etwa 16 Personen setzen könne. Er erkundigte sich eingehend nach der Möbel-Einrichtung für die Botschafter - Wohnung. Auf der kleinen Veranda vor dem Dielenzimmer hielt sich der Präsident längere Zeit auf und bewunderte mit mir die „Herrliche Aussicht“ auf Angora. Auch unser „Park“ fand den vollsten Beifall des hohen Herrn.

Nachdem der Besuch im ganzen etwa eine Stunde gewährt hatte, verliess der Präsident unter liebenswürdigen Dankesworten unser Grundstück.

Meines Wissens ist unser Botschaftsgebäude das einzige von allen hier vorhandenen fremden Vertreterhäusern, das bisher mit der Ehre eines persönlichen Besuchs durch den Präsidenten ausgezeichnet worden ist.“

Wegen der Übersendung von Katalogen nach Angora ist hier das weitere veranlasst.

gez. Nadolny