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Interview Botschafter Dünya

11.06.2019 - Artikel

1. Könnten Sie bitte die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Türkei und Deutschland, dem größten Exportmarkt für türkische Ausfuhren, kurz bewerten?

Ihren guten Ruf haben sich deutsche Ingenieure über Jahrzehnte durch Innovationskraft, technische Perfektion und pünktliche Lieferverlässlichkeit erarbeitet. Dies ist nach wie vor ein wichtiger Bestandteil des Deutschlandbildes. Besonders im Automobilbereich und dem damit verbundenen Maschinenbau, aber auch bezogen auf sonstige Produktionstechnik konnte Deutschland mithilfe dieser Prinzipien eine Vorreiterrolle erlangen.
Die Türkei ist mit ihren hohen produktionstechnischen Standards in den letzten 50 Jahren zu einem wichtigen Standort für deutsche und europäische Unternehmen geworden. Meist werden Vorprodukte importiert und fertige Erzeugnisse exportiert, was die Türkei besonders stark mit dem europäischen und dem Welthandel verzahnt.

Wir sind froh über diese enge Verbindung zwischen der türkischen und der deutschen Maschinenbaubranche, die natürlich auch einen Wissenstransfer mit sich bringt. Grundsätzlich sollte Fachwissen – entweder importiert oder an den eigenen, renommierten technischen Universitäten der Türkei entwickelt – genutzt werden, um Produktionsstandorte für zukunftsweisende Technologien in der Türkei zu errichten. Grundsätzlich muss die Türkei – um den Quantenvorsprung in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zu bewältigen - von der Produktion stärker in die Innovation umschwenken. So wie Südkorea, ein anderes G-20 Mitgliedsland, dies in der Vergangenheit geschafft hat. So kann die Türkei langfristig ein noch eigenständigerer Maschinenbau-Standort werden und ihre Innovationskraft fördern.

2. Die Türkei fordert die Aktualisierung der Zollunion. Wie bewerten Sie diese Forderung?

Die Zollunion ist eine Erfolgsgeschichte und hat der Europäischen Union und der Türkei große Wohlstandsgewinne gebracht. Eine Modernisierung würde beiden Parteien neue Chancen und Herausforderungen bieten. Es besteht allerdings Einigkeit darüber, dass wir vor Gesprächen über eine Modernisierung der Zollunion zunächst die bestehende Zollunion in vollem Umfang implementieren müssen. Es gibt aus der Sicht der Mitglieder der EU eine Reihe von Handelshemmnissen, die mit der aktuellen Zollunion nicht in Einklang zu bringen sind. Diese Probleme müssen erst aus dem Weg geräumt werden. Hierüber gibt es Gespräche auf europäischer Ebene, und soweit es deutsche Unternehmen betrifft, auch bilaterale Gespräche.
Das Projekt einer Modernisierung der Zollunion wäre übrigens eine Entscheidung, die die Mitgliedsstaaten der EU und das neu gewählte Europaparlament gemeinsam treffen müssten.

Könnten Sie bitte die Investitionen deutscher Unternehmen in der Türkei bewerten? Welche Strategien können zur Steigerung der Investitionen entwickelt werden?

Die Anzahl deutscher Unternehmen in der Türkei steigt seit 10 Jahren kontinuierlich an, aktuell sind es etwa 7.400, unterstützt von insgesamt rund 14 Mrd. USD Direktinvestitionen seit 1980. Besonders im Groß- und Einzelhandel sowie im produzierenden Gewerbe und der Energiewirtschaft sind deutsche Unternehmen in der Türkei aktiv. Um diesen Trend zu festigen und weitere Unternehmen in der Türkei anzusiedeln, sind politische Stabilität, Rechtsstaatlichkeit, eine stabile Währung sowie transparente Steuer- und Subventionskonditionen förderlich.
Wichtig ist aus meiner Sicht, dass die Türkei ihre Attraktivität als Technologiestandort ausbaut. Die Qualifizierung junger Arbeitskräfte ist hier entscheidend: eine stärkere Fokussierung auf Naturwissenschaften und Fremdsprachen in den Schulen ebenso wie ein Ausbau der beruflichen Ausbildung. Ebenfalls sehr bedeutend ist  die Orientierung an modernen Produktions- und Qualitätsstandards. Wenn das Lohnniveau dabei stabil bleibt und in die Fertigung zukunftsweisender Produktgruppen – Elektroantriebe, erneuerbare Energien oder auch ökologische Landwirtschaft – investiert wird, nimmt das Interesse deutscher Unternehmen an der Türkei sicher weiter zu
Ganz grundsätzlich geht es darum, verloren gegangenes Investorenvertrauen zurückzugewinnen.


3. Deutschland ist führend bei der Austragung von Industriemessen. Wäre eine Zusammenarbeit auf diesem Gebiet mit der Türkei denkbar? Was würden Sie der Türkei in Bezug auf internationale Messen empfehlen?

Die Türkei ist für deutsche Messeveranstalter und Aussteller aufgrund der geografischen Lage der Türkei ein wichtiger Standort. Zumindest langfristig rechnen sich die ausländischen Messeveranstalter hier große Chancen aus. Insbesondere mit den Investitionen deutscher Messeunternehmen nach Gründung der Zollunion 1996 hat sich die Branche noch stärker internationalisiert. Mittlerweise haben die größten deutschen Messeunternehmen Tochtergesellschaften in der Türkei gegründet (Hannover-Messe, Messe München, Messe Stuttgart, Hamburg Messe, Köln Messe, Messe Frankfurt, Nürnberg Messe und Messe Berlin) und richten u.a. landesweit die größten Messen aus.

Messen in der Türkei können von Ausstellern ganz unterschiedlich genutzt werden. Zum einen sind sie Plattformen für den türkischen Markt, zum anderen können mit ihrer Hilfe aber auch die Märkte des Balkans, des Kaukasus und Mittelasiens sowie die Länder des Nahen Ostens erschlossen werden. Die Türkei wird somit auch in der Zukunft zentraler Baustein der Internationalisierungsstrategie der Messebranche in Europa bleiben, als zentrale Handelsdrehscheibe für den gesamten Nahen Osten.

Schwachpunkt der türkischen Messelandschaft ist leider weiterhin die Tatsache, dass zu einem Thema häufig mehrere Messen gleich nacheinander in derselben Stadt stattfinden, was doch erhebliche Redundanz im Messe-Angebot erzeugt.
Auch ein Web Portal, wie es z.B. der Verband der deutschen Messewirtschaft führt, fehlt der türkischen Messe-Branche. Es wäre für die Branche und die Aussteller sehr hilfreich, wenn ein Gesamtüberblick über die geplanten Messen in der Türkei in einem prägnant und ansprechend aufbereiteten Web Portal einsehbar wäre. Da deutsche Unternehmen ihre Aktivitäten im Messe-Bereich mindestens ein Jahr im Voraus planen, werden viele Messen in der Türkei für sie zu kurzfristig ausgerichtet.


4. Deutschland hat für türkische Maschinenbauer eine besondere Bedeutung. Könnten Sie uns etwas darüber erzählen, wie Deutschland zu einem der weltweit führenden Länder in der Maschinenproduktion geworden ist? Welche Vorschläge hätten Sie an dieser Stelle für die türkischen Maschinenhersteller?

Ihren guten Ruf haben sich deutsche Ingenieure über Jahrzehnte durch Innovationskraft, technische Perfektion und pünktliche Lieferverlässlichkeit erarbeitet. Dies ist nach wie vor ein wichtiger Bestandteil des Deutschlandbildes. Besonders im Automobilbereich und dem damit verbundenen Maschinenbau, aber auch bezogen auf sonstige Produktionstechnik konnte Deutschland mithilfe dieser Prinzipien eine Vorreiterrolle erlangen.
Die Türkei ist mit ihren hohen produktionstechnischen Standards in den letzten 50 Jahren zu einem wichtigen Standort für deutsche und europäische Unternehmen geworden. Meist werden Vorprodukte importiert und fertige Erzeugnisse exportiert, was die Türkei besonders stark mit dem europäischen und dem Welthandel verzahnt.

Wir sind froh über diese enge Verbindung zwischen der türkischen und der deutschen Maschinenbaubranche, die natürlich auch einen Wissenstransfer mit sich bringt. Grundsätzlich sollte Fachwissen – entweder importiert oder an den eigenen, renommierten technischen Universitäten der Türkei entwickelt – genutzt werden, um Produktionsstandorte für zukunftsweisende Technologien in der Türkei zu errichten. Grundsätzlich muss die Türkei – um den Quantenvorsprung in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zu bewältigen - von der Produktion stärker in die Innovation umschwenken. So wie Südkorea, ein anderes G-20 Mitgliedsland, dies in der Vergangenheit geschafft hat. So kann die Türkei langfristig ein noch eigenständigerer Maschinenbau-Standort werden und ihre Innovationskraft fördern.


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