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Wirtschaft

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Stand: Oktober 2017

Aktuelle wirtschaftliche Lage

Das durchschnittliche Wachstum des Bruttoinlandsprodukts lag in den letzten 10 Jahren bei über 4%. Nach der Eintrübung der Wirtschaftskonjunktur im Jahr 2016 mit einem Wirtschaftswachstum von 2,9% im Zuge des gescheiterten Putschversuches vom 15. Juli konnte im 1. Halbjahr 2017 mit 5,1% ein überdurchschnittlicher Zuwachs erzielt werden.  Ein großer Teil des Wachstums wurde dabei durch kurzfristige staatliche Konjunkturmaßnahmen generiert. Der Tourismus-Sektor konnte zwar bei der Anzahl der Besucher die Verluste des Vorjahrs tendenziell wieder ausgleichen. Die 2016 stark gesunken Einnahmen aus dem Tourismus nahmen bis Mitte des Jahres aber lediglich geringfügig gegenüber dem Vorjahr zu. 
Das chronische Leistungsbilanzdefizit der Türkei bleibt ausgeprägt und betrug im Jahr 2016 ca. 4,3% des BIP. Die Erwartung für 2017 bewegt sich nahezu auf demselben Niveau. Zum Ausgleich ihrer Leistungsbilanz ist die Türkei in hohem Maße von ausländischen Kapitalzuflüssen abhängig. Die türkische Regierung zielt daher durch eine Reihe von Maßnahmen auf eine Verringerung des hohen Leistungsbilanzdefizits ab. Dazu gehört die Verringerung ihrer (Energie-) Importabhängigkeit, u.a. durch die verstärkte Nutzung heimischer Kohle, erneuerbarer Energien und Vorbereitung des Baus von Kernkraftwerken, die Stärkung ihrer Industrieproduktion sowie die Förderung ihrer Exportwirtschaft.
Die Türkei wickelt nahezu 40% ihres Außenhandels mit den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ab. Die wichtigsten Ausfuhrgüter sind Textilien, Kraftfahrzeuge bzw. Kfz-Teile, Nahrungsmittel, Maschinen, Elektrotechnik sowie Eisen und Stahl. Das Handelsbilanzdefizit verringerte sich im Jahr 2016 bedingt durch die niedrigen Ölpreise und lag bei ca. 56 Mrd. USD.

Für das Jahr 2017 zeichnet sich durch die Zunahme von Energieimporten aber wieder eine deutliche Erhöhung ab. Hauptursache für das Ungleichgewicht im Außenhandel bleibt weiterhin die hohe Importabhängigkeit an Energie- und Rohstoffen sowie Halbwaren für die Industrieproduktion. Dies hat zur Folge, dass Zuwächse in der Industrieproduktion automatisch weitere Anstiege bei den Einfuhren generieren.
Der Abwertungstrend der Türkischen Lira dauert an. Die sich wiederholenden volatilen Ausschläge zeigen, wie anfällig der Kurs weiterhin auf politische Entwicklungen reagiert. Im Zuge des gescheiterten Putschversuches im Juli 2016 sowie der innen- und außenpolitischen Entwicklungen der letzten Monate hat sich der Abwertungsdruck auf die Türkische Lira verstärkt und seit Jahresbeginn 2017 zu einem weiteren Wertverlust von rund 15% gegenüber dem Euro geführt. Der Wertverlust der Lira schürt die Inflation, die nach 8,5% im Jahr 2016 auf nunmehr 11,2% (September 2017) gestiegen ist. Sie liegt damit erneut deutlich über dem längerfristigen Inflationsziel der Notenbank (6%). Sorge bereitet ebenfalls die im internationalen Vergleich sehr niedrige Sparquote, die 2016 sogar um 1,4% auf 12,6% des BIP absank, bei gleichzeitiger Überschuldung einer zunehmenden Anzahl von Privathaushalten und Unternehmen. Durch die Förderung von Spareinlagen im privaten Rentenversicherungssystem soll hier eine Besserung erzielt werden. 

Beschäftigungsquote und Erwerbseinkommen

Die Arbeitslosigkeit bleibt weiterhin ein gravierendes Problem und verharrt trotz leichter Erholung bei knapp 11% (Sept. 2017). Aus der jungen Bevölkerung drängen jährlich mehr als eine halbe Million Arbeitssuchende auf den Arbeitsmarkt, können dort aber nicht vollständig absorbiert werden. Die bereits hohe Jugendarbeitslosigkeit stieg 2017 gegenüber dem Vorjahr weiterhin an. Hinzu kommt das starke wirtschaftliche Gefälle zwischen strukturschwachen ländlichen Gebieten (etwa im Osten und Südosten) und den wirtschaftlich prosperierenden Metropolen. Auf der Suche nach Arbeit und besseren Lebensbedingungen wandert die ländliche Bevölkerung daher weiterhin in die Städte und industriellen Zentren ab.

Die Regierung erhofft sich durch diverse geplante Maßnahmen, wie beispielsweise einer schrittweisen Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, einer Fort- und Weiterbildungsoffensive für Fachkräfte, sowie einer weiteren Verbesserung von beruflichen Ausbildungssystemen die Schaffung von über 1 Mio. neuer Arbeitsplätze im Verlauf von drei Jahren. Eine kurzfristige staatliche Beschäftigungsinitiative soll 2017 bis Ende des Jahres bis zu 1 Mio. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die im Jahr 2016 ihre Arbeitsplätze verloren, wieder in Beschäftigung bringen. 

Herausforderungen für den Arbeitsmarkt bleiben der weiterhin hohe Anteil der Schwarzarbeit und die relativ niedrige Erwerbsquote von Frauen (rd. 30%). Dabei bezieht der überwiegende Teil der in Industrie, Landwirtschaft und Handwerk erwerbstätigen Arbeiterinnen und Arbeiter weiterhin den offiziellen "Mindestlohn". Er wurde für das Jahr 2017 auf 1.777,50 Türkische Lira brutto festgesetzt. Die Entwicklung der Realeinkommen hält mit der Wirtschaftsentwicklung nicht Schritt, so dass insbesondere die einkommensschwächeren Bevölkerungsschichten empfindlich am Rande des Existenzminimums leben.

Wirtschaftssektoren

Vor allem in der Westtürkei sind die Leicht- und Schwerindustrie stark vertreten (Textil, Fahrzeuge, Chemie, Maschinen, Elektrobranche) und tragen ca. 25% zum BIP bei. Größten Anteil am BIP (ca. 60%) hat der Dienstleistungssektor mit weiter steigender Tendenz. Laut Angaben der Weltbank arbeiten noch gut 20% über ein Drittel der Erwerbsbeschäftigten in der Landwirtschaft und leisten einen Beitrag von über 6% zum BIP. Im auch infrastrukturell vergleichsweise geringer entwickelten Osten und Südosten wird überwiegend sehr häufig Semi-Subsistenz-Landwirtschaft betrieben.

Im Bereich Erneuerbarer Energien erfolgten 2017 zwei Ausschreibungen für die Energieerzeugung aus Solar- und Windkraft mit einem Volumen von jeweils etwa 1,3 Mrd. Euro, die von südkoreanisch-türkischen bzw. deutsch-türkischen Konsortien gewonnen wurden. Neben dem Ausbau der Energieerzeugung um jeweils 1 GW Solar- und Windenergie zielt die Türkei damit auf den der Ausbau heimischer Produktionsstätten im Bereich der Solar- und Windkraft.

Darüber hinaus ist die Türkei bestrebt, durch den Ausbau von Pipeline-Infrastruktur zu einer „Drehscheibe“ für Gaslieferungen zwischen Russland und Nahost sowie Kaspischem Raum und Europa zu werden. 

Im Südosten werden seit Mitte der 1980er Jahre erhebliche Entwicklungsanstrengungen unternommen ( sog. „GAP)-Projekt“ mit Ausbau von Staudämmen, (Wasser-)Kraftwerken, Elektrifizierung, Bewässerungsanlagen, Straßen und, Telekommunikationsinfrastruktur), was das bestehende West-Ost Gefälle aber bisher nur wenig verringern konnte.

Hinweis

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.


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