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Kultur- und Bildungspolitik, Medien

Artikel

Stand: September 2018

Bildungssystem

Die türkische Bevölkerung ist sehr jung - etwa 23 Prozent sind im schulpflichtigen Alter. Deshalb hat der Bildungssektor große Bedeutung für die weitere Entwicklung des Landes. Im Schuljahr 2017/2018 wurden 17,7 Millionen Schülerinnen und Schüler in Grund-, Mittel- und weiterführenden Schulen unterrichtet.

Die AKP-Regierung unternimmt seit ihrem Amtsantritt im November 2002 umfangreiche und einschneidende Umstrukturierungen des Bildungswesens. Nach einer Bildungsreform im Jahre 2004 (Erhöhung der Schulpflichtzeit an den Gymnasien von drei auf vier Jahre), wurde im Zuge des letzten Bildungsreformgesetzes vom April 2012 die Schulpflicht von acht auf zwölf Schuljahre angehoben. Das Einschulungsalter wurde auf 5,5 Jahre herabgesetzt. Der Schulbesuch gliedert sich nunmehr in je vier Jahre Grundschule, Mittelschule und Oberschule. Ab dem fünften Schuljahr ist auch ein Wechsel in eine islamische Imam-Hatip-Schule möglich. 11,4% aller Schülerinnen und Schüler an Mittel- und Oberschulen besuchen mittlerweile eine Imam-Hatip-Schule.

Im Zuge der letzten Reform ist es erstmalig in der Geschichte der Türkei möglich, Sprachunterricht in den regionalen Muttersprachen wie Kurdisch (Kurmandschi und Zaza) , Tscherkessisch, Georgisch, Lasisch, Bosnisch und Albanisch mit zwei Wochenstunden als Wahlpflichtfach an allgemeinbildenden staatlichen Mittelschulen und Imam-Hatip-Mittelschulen zu wählen. Die Nachfrage nach Kurdisch blieb im Vergleich bislang hinter den Erwartungen zurück.

Seit dem Schuljahr 2012/13 findet der erste Unterricht in einer Fremdsprache ab der zweiten Klasse mit jeweils zwei, ab der Mittelstufe mit vier Wochenstunden statt. Ab dem Schuljahr 2018/19 wird sich der Unterricht in der 5. Klasse aller staatlichen Schulen mit 18 Wochenstunden wesentlich auf das Erlernen einer Fremdsprache, erstrangig Englisch, konzentrieren. Privatschulen bieten Fremdsprachenunterricht ab der ersten Klasse an. Die Tatsache, dass ab 2005 an ausgewählten Gymnasien die zweite Pflichtfremdsprache wieder eingeführt wurde, hat die Stellung des Deutschunterrichts an türkischen Schulen gestärkt. Im Bereich der zweiten Fremdsprache rangiert Deutsch in der Türkei mit ca. 90% an erster Stelle. Insgesamt erhalten 117.044 Schülerinnen und Schüler Deutschunterricht, davon 12.224 Schülerinnen und Schüler Deutsch als erste Fremdsprache. In der Türkei sind ca. 90 von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) vermittelte Lehrerinnen und Lehrer in der Oberstufe tätig.

Im Zuge des Konfliktes im Nachbarland Syrien sind über 900.000 schulpflichtige Flüchtlingskinder ins Land gekommen bzw. wurden hier geboren. Diese wurden zunächst in eigens geschaffenen Einrichtungen nach syrischem Lehrplan beschult, sollen nun aber bis Ende des Schuljahres 2019/2020 schrittweise ins reguläre Schulsystem eingegliedert werden.

Hochschulen

Der türkische Hochschulrat (YÖK) koordiniert Finanzen, Inhalte und Personalplanungen der Hochschulen. Er betreibt mit Nachdruck die Internationalisierung der türkischen Wissenschaft.

Wegen des Fehlens eines dualen Ausbildungssystems und aufgrund der demographischen Entwicklung besteht in der Türkei seit jeher ein starker Andrang an den Universitäten. Insgesamt studierten im Studienjahr 2017/2018 rund 7,2 Mio. Personen an 112 staatlichen Universitäten und 67 staatlich anerkannten privaten Stiftungsuniversitäten. Die Zahl der ausländischen Studierenden beträgt 114.900, darunter 3.732 deutsche Staatsangehörige. Für die diesjährige zentrale Hochschulaufnahmeprüfung meldeten sich insgesamt 2.381.412 Studieninteressierte an, letztendlich erhielten 857.240 die Zuweisung für ein zwei- bzw. vierjähriges Studienprogramm.

Die Studiengebühren an den privaten Universitäten betragen zwischen 5.000 und 12.000 US-Dollar pro Jahr. Die staatlichen Universitäten (mit einem Anteil von 36%) sind finanziell vergleichsweise weniger gut ausgestattet. Der Anteil des BIP für Bildung beträgt 3,65%, in Forschung und Entwicklung werden 0,8% des BIP investiert.

Seit 2010 hat sich die Zahl der Hochschulkooperationen zwischen der Türkei und Deutschland in etwa verdreifacht und betrug zuletzt 1.460, wobei die „Erasmus+“-Mobilität ein wesentlicher Bestandteil der Hochschulkooperation ist

Straf- und dienstrechtliche Maßnahmen gegen türkische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie gegen Hochschulpersonal (z.B. Suspendierungen, Strafverfahren, Inhaftierungen) nach der Unterzeichnung eines Aufrufs zur Kurdenpolitik im Januar 2016 sowie nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 haben im Ausland große Besorgnis über die akademische Freiheit in der Türkei hervorgerufen. Eine Beeinträchtigung des Hochschulbetriebs durch die vielen Entlassungen konnte bislang durch eine Einstellung auf Angestelltenbasis aufgefangen werden.

Berufliche Bildung

Jugendliche, die im formellen Bildungsweg berufliche Kenntnisse erwerben wollen, können nach Abschluss der 8. Klasse ein Berufsgymnasium (Meslek Lisesi) besuchen, das neben dem türkischen Gymnasialabschluss eine überwiegend schulische „Berufsausbildung“ anbietet. Die berufsbildenden Schulen liegen in ihrem Ansehen weit hinter den allgemeinbildenden Gymnasien (Lise) und wurden bislang meist nur bei Nichtbestehen der Aufnahmeprüfung für ein allgemeinbildendes Gymnasium gewählt.

Darüber hinaus bestehen in deutlich geringerer Anzahl Berufsschulen, die eine duale Ausbildung (in Anlehnung an das deutsche System) anbieten. Schüler, die eine derartige Ausbildung machen, erhalten ein Drittel des Mindestlohns und sind staatlich sozialversichert. Wirtschaftsverbände und -kammern fordern eine weitergehende Förderung der beruflichen Bildung, um junge Menschen besser auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts vorzubereiten. Sie initiieren hierzu auch verschiedene Kooperationen mit ausländischen Firmen und Hochschulen.

Neben der schulischen und dualen Ausbildung existiert weiterhin auch die traditionelle – weitgehend außerschulische – Lehrlingsausbildung.

Durch die Verlängerung der Schulpflicht von acht auf zwölf Schuljahre im Rahmen der Reformen von 2012 ist die Schülerzahl in den Berufsgymnasien deutlich angestiegen. Die Zahl der außerschulischen Lehrlingsausbildungen wird voraussichtlich hingegen weiter sinken.

Medien

Seit Aufhebung des staatlichen Monopols für Rundfunk und Fernsehen 1993 hat sich eine Vielzahl privater Fernsehsender etabliert, die kommerzielle, oft aber auch politische Interessen verfolgen. Die Medienlandschaft ist mit dem Verkauf der Doğan-Medien (darunter Hürriyet, Kanal D, CNN Türk u.a.) an die Demirören-Holding stark monopolisiert; rund 90% der türkischen Massenmedien (TV, Print, Online) sind finanziell und/oder personell mit der Regierungspartei AKP verbunden. Die größten Mediengruppen sind mit anderen wirtschaftlichen Interessen – Banken, Stromerzeugung, Mobilfunk, Immobilien, Baugewerbe – in großen Holdings verbunden (bis März 2018 Doğan-Gruppe; Demirören-Gruppe, Turkuvaz-Gruppe, Çalik-Gruppe). Es verbleiben nur wenige unabhängige Medien (darunter Sözcü, Birgün, Evrensel, Cumhuriyet), deren Auflagenzahl bzw. Reichweite jedoch überschaubar ist.
Die Pressefreiheit ist verfassungsrechtlich verankert, in der Praxis sind Presse- und Meinungsfreiheit jedoch stark eingeschränkt. Seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 wurden knapp 200 überwiegend kurdische oder als Gülen-nah geltende Medienorgane geschlossen. Durch die Schließungen gibt es nur noch eine kleine Anzahl unabhängiger (Oppositions-) Medien. Freie Presseberichterstattung ist für die verbleibenden Medien aufgrund von Drohungen, Verhaftungen ihrer Mitarbeiter und Selbstzensur kaum mehr möglich. Auch wenn seit Jahresbeginn 2018 vereinzelt Journalisten wieder auf freien Fuß gesetzt wurden, sind weiterhin Dutzende Journalisten wegen angeblicher Terrorpropaganda und Unterstützung von oder Mitgliedschaft in terroristischen Organisationen in Haft. Reporter ohne Grenzen stufte die Türkei in ihrem Bericht vom April 2017 auf Platz 155 (von 180) vier Ränge nach unten.

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